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Essen & Trinken während der Wehen

Nadine Scheiner
02 Mrz 2022
4 min
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Die meisten Frauen haben während der Geburt oft Lust auf Essen und Trinken, insbesondere in den frühen Stadien haben gebärende Frauen oft Appetit. Allerdings sollen gebärende Frauen, die in den Wehen sind, seit Jahren nüchtern bleiben, falls es Komplikationen gibt und eine Vollnarkose erforderlich wird. Dies wurde damit gerechtfertigt, dass es bei Nahrungsaufnahme zum sogenannten Mendelson-Syndrom kommen kann, wenn der Magen zu voll ist.

Fasten (nicht essen und nicht trinken) wird daher häufig empfohlen, um den Inhalt im Magen zu reduzieren und damit das Auftreten von Komplikationen wie dem Mendelson-Syndrom (Magenaspirationsneuropathie-Syndrom) zu vermeiden. Dieses Syndrom ist mit der Anwendung einer Narkose verbunden, seine Mortalität hängt vom abgesaugten Mageninhalt und der durchgeführten Behandlung ab.

Verhindert werden kann das Mendelson-Syndrom indem ein Magenvolumen von <25 ml oder ein pH-Wert des Mageninhaltes von > 2,5 erreicht wird. Außerdem kann eine Epiduralanalgesie verwendet werden. Doch was genau ist während der Geburt erlaubt und auf welches Essen beziehungsweise Trinken verzichtet ihr während der Wehen besser?

Das wichtigste in Kürze

  • Die globalen Richtlinien zur Einschränkung aufgrund des Mendelson-Syndroms sind nicht mehr gültig.
  • Isotonische Getränke oder Wasser mit Traubenzucker und leichte Speisen mit vielen Kohlenhydraten sind Energiespender und liefern euch wichtige Mineralstoffe.
  • Sprecht euch vorab mit eurer Hebamme und eurem behandelnden Mediziner ab, informiert auch eure Begleitperson über eure Vorstellungen.
Schwanger Frau hat hunger
Demkat via Shutterstock

Die Geburt gleicht einem intensiven Aerobic-Training

Der Geburtsprozess gleicht ohne Frage der körperlichen Aktivität während eines moderaten und kontinuierlichen Aerobic-Trainings. Der daraus resultierende Verbrauch von Sauerstoff und Glukose, der Produktion von Kohlendioxid und dem Lactatspiegel im Blut der Mutter kann schnell zu Hunger und Durst führen und bei Einschränkung dieser zu Dehydration und Ketose. Ein leerer Magen ist also nicht die beste Wahl, da sowohl die gebärende Frau als auch das Baby Stärkung und Energie für die Geburt benötigen.

In der Vergangenheit wurde dieses Problem häufig durch intravenöse Infusion mit Glukose in hohen Dosen behandelt, es wurde jedoch gezeigt, dass hohe Glukosedosen fetalen Hyperinsulinismus verursachen können. Im schlimmsten Fall wird das Baby dann mit einem zu niedrigen Blutzucker und einem hohen Lactatspiegel geboren, was natürlich nicht als die beste Möglichkeit genannt werden kann, ein Kind zu gebären.

Um diese Nebenwirkungen zu vermeiden, wird empfohlen, isotonische Getränke zu trinken und leichte Lebensmittel in kleinen Mengen zu essen. Esst lieber etwas öfter, aber dafür wenig, sodass die Aufnahme von Nahrung und Flüssigkeit gesichert ist, das Risiko des Auftretens vom Mendelson-Syndrom aber möglichst gering ist.

Zu empfehlen sind kohlenhydratreiche Lebensmittel, die euch lange sättigen und für mehr Energie sorgen. Schwerverdauliche Lebensmittel wie Fleisch sollte hingegen vermieden werden. Geeignete Lebensmittel während der Geburt sind unter anderem folgende Lebensmittel:

  • Brot, Ciabatta oder Knäckebrot mit einem leichten Aufstrich
  • Kartoffeln, Reis oder Nudeln mit einer leichten Beilage/Soße
  • Hühner- oder Rinderbrühe mit oder ohne Nudeln oder Reis
  • Bananen oder andere energiespendende Früchte

Was, wenn ihr gegessen habt und ein Kaiserschnitt erforderlich wird?

Von 10 Kaiserschnitten werden 9 unter Spinal- oder Periduralanästhesie (PDA) durchgeführt, sodass das Trinken keine Probleme bereiten sollte. Wenn es möglich ist, dass ihr eine komplizierte Entbindung erleben könntet, die eine Vollnarkose erfordert, ist es besser, beim Essen und Trinken vorsichtig zu sein. In diesem Fall ist es besser, wenn ihr euch mit eurem Arzt oder eurer Hebamme absprecht.

Nachdem Mendelson in den 1940ern das Aspirationssyndrom des Mageninhalts bei Schwangeren beschrieb, bei denen ein Kaiserschnitt unter Vollnarkose durchgeführt werden musste, wurden gemeinsame und globale Richtlinien zur Einschränkung der Flüssigkeits- und Nahrungsaufnahme beschlossen. Für diese Richtlinien gibt es allerdings bis heute keine wissenschaftlichen Beweise, die belegen, dass das diese Einschränkungen erforderlich sind.

Und trotzdem werden diese Restriktionen bis heute in vielen Krankenhäusern routinemäßig oder aus Unkenntnis ihrer Auswirkungen durchgesetzt, und zwar mit dem Wissen, dass die meisten Kaiserschnitte mit Spinal- oder Periduralanästhesie (PDA) durchgeführt werden und somit kein Risiko besteht, dass das Mendelson-Syndrom auftritt.

Daher ist zu empfehlen, dass ihr schon vorher mit eurer Hebamme und den Ärzten im Krankenhaus sprecht. So vermeidet ihr unangenehme Situationen, während ihr bereits in den Wehen liegt. Denn in diesem Moment ist zu erwarten, dass ihr andere Dinge im Kopf habt, als darüber zu debattieren, ob und was ihr zu euch nehmen dürft.

Was tun, wenn der behandelnde Mediziner auf die Richtlinien besteht?

Weltweit haben verschiedene Institutionen daran gearbeitet, Belege dafür zu finden, dass die damals festgelegten Richtlinien gerechtfertigt sind. Es konnte jedoch keine einzige Studie gefunden werden, die zeigt, dass die Einschränkungen der oralen Aufnahme von Flüssigkeit und Nahrung bei Frauen, die in den Wehen liegen, das Risiko einer Aspirationspneumonie verringert.

Obwohl Mendelson 1946 die Aspirationspneumonie bei Schwangeren beschrieb und veröffentlichte, wies er 1956 auch darauf hin, dass Nahrung 24 und sogar 48 Stunden nach der Einnahme erbrochen werden kann. Das heißt, ihr müsstet genau genommen laut Mendelsons Aussagen schon 48 Stunden vor der Geburt auf jegliche Lebensmittel verzichten. – Quasi unmöglich, denn eine so genaue Prognose zu stellen, wann die Wehen einsetzen werden.

Die Inzidenz des Mendelson-Syndroms ist sehr selten. Keine in den letzten Jahren durchgeführte Studie zum Tod von Müttern weist auf die orale Einnahme während der Entbindung als Aspirationsursache während der Vollnarkose in der Geburtshilfe hin.

Die Einschränkung von Essen und Trinken während der Wehen können zu Dehydration und Ketose führen. Ketonkörper können die Uterusaktivität reduzieren und den korrekten und wichtigen Verlauf der Wehen verändern.

Weißt euren Arzt daraufhin und bittet ihn, euch eine Studie vorzulegen, die das Gegenteil beweist. Bittet ihn freundlich und bestimmt darauf zu verzichten, weiterhin auf die Richtlinien zu bestehen, es gibt heute keine gesetzliche Grundlage mehr, diese umsetzen zu müssen.

Gut zu wissen: Das Cochrane-Review von 2010 analysierte 5 Studien, an denen insgesamt 3.130 Frauen teilnahmen, die in den Wehen gelegen haben. Alle schwangeren Frauen hatten ein geringes Risiko, dass ein Kaiserschnitt erforderlich werden würde. Es konnte festgestellt werden, dass es keine signifikanten Unterschiede zwischen jenen schwangeren Frauen gab deren orale Aufnahme eingeschränkt wurde und jenen Gebärenden, die nicht eingeschränkt wurden.

Fazit: Essen und Trinken während der Entbindung mit Bedacht wählen

Natürlich solltet ihr euch nicht den Bauch vollschlagen und 5 Liter Brause trinken, die Aufnahme von Flüssigkeit und Nahrung vollkommen einzuschränken, ist aber ebenso unnütz und kann euch und euer Baby gefährden. Auch aus wissenschaftlicher Sicht gibt es keinen Grund, der es erforderlich macht, dass ihr mit leerem Magen die Entbindung erleben müsst und sogar auf Wasser und Traubenzucker verzichten müsst.

Bereitet euch am besten ein kleines Lunch-Paket vor und gebt dieses eurer Begleitperson mit, sodass dieses griffbereit ist. Ihr könnt eure Wünsche natürlich auch mit eurer Hebamme besprechen, sie kann euch sicherlich auch gute Tipps geben, welche Speisen geeignet sind.

 

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