Hoch

Schwangerschaftsdemenz & Stilldemenz

Nadine Scheiner
10 Feb 2022
6 Min.
Mögen 0
Nicht mögen 0

Viele Schwangere und Stillende haben irgendwann das Gefühl, dass ihr Kopf nicht wie gewohnt funktioniert. Sie verlegen den Autoschlüssel und vergessen wichtige Nummern. Wenn es euch auch so geht, könnt ihr beruhigt sein. Das ist nicht nur Einbildung und es geht anderen auch so. Umgangssprachlich nenne viele Menschen das Schwangerschafts- oder Stilldemenz. Doch was verbirgt sich hinter dem Begriff und wie wirkt es sich aus?

Schwangerschaftsdemenz
metamorworks via shutterstock

Was ist eine Schwangerschaftsdemenz oder Stilldemenz?

Schwangere und stillende Frauen neigen oft zur Vergesslichkeit. In der Umgangssprache wird das auch als Schwangerschaftsdemenz oder Stilldemenz bezeichnet. Obwohl dieser Zustand keine richtige Demenz ist, so gibt es doch körperliche Ursachen für eine gewisse Schusseligkeit.

Eine reduzierte Konzentrationsfähigkeit und Gedächtnisleistung machen sich oft in den letzten Monaten der Schwangerschaft bemerkbar. Diese Effekte sind nicht einfach ein individuelles Empfinden oder Einbildung, sondern lassen sich in Studien messen und zeigen. Etwa 80 Prozent der Schwangeren und Stillenden sind von dem Phänomen betroffen.

Das schlechte Gedächtnis der werdenden und jungen Mütter ist allerdings keine degenerative Erkrankung. Eure Gehirnzellen gehen nicht verloren. Nach der Geburt nimmt das Hirnvolumen vieler Frauen sogar deutlich messbar zu.

 

Die Veränderungen lassen sich auch in Tierversuchen zeigen. Dabei kamen auch die positiven Aspekte zu Tage. Versuche mit Ratten zeigten, dass eine Umstellung im Hirn passiert und die Mütter ihre Jungen dadurch besser versorgen konnten.

Was ist die Ursache für die Vergesslichkeit?

Eine Schwangerschaft führt zu vielen Veränderungen im ganzen Körper. Auch das Gehirn ist davon nicht ausgenommen. Wie bei den meisten anderen Symptomen der Schwangerschaft ist der veränderte Hormonhaushalt die Hauptursache der Veränderung.

Im letzten Schwangerschaftsdrittel und im frühen Wochenbett ändern sich dir Hormonlevel im Blut noch einmal deutlich. Betroffen sind vor allem die Spiegel der folgenden Hormone:

 

  • Progesteron
  • Östrogen
  • Oxytocin
  • Prolaktin

 

Die Mengen von Östrogen und Progesteron im Blut steigen am Ender der Schwangerschaft noch einmal deutlich an, um dann mit der Geburt und vor allem dem Abstoßen der Plazenta abzufallen. Prolaktin und Oxytocin steigen dagegen deutlich an. Vor allem der Stillbeginn lässt die Menge dieser Hormone ansteigen.

Die Hormon Prolaktin und Oxytocin sind für die Milchbildung und die Förderung der Beziehung zwischen euch und eurem Baby verantwortlich. Aus diesem Grund sind junge Mutter sehr stark auf die Versorgung des Kindes konzentriert. Aus dieser Tatsache heraus, vermuten Wissenschaftler, dass eine stillende Frau nicht so viel Aufmerksamkeit auf andere Dinge richtet wie zuvor. Alltägliche Abläufe und Handlungen bekommen daher einfach weniger beachtet. Einige Dinge werden dann auch tatsächlich vergessen.

Es ist nachweisbar, dass das Gehirn von jungen Müttern sich vor allem in den Bereichen verändert, die für die Bildung der Beziehung zwischen Mutter und Kind wichtig sind. Das Volumen nimmt in den Regionen zu, die für die folgenden Dinge verantwortlich sind:

 

  • Mütterliche Motivation
  • Verarbeitung von Emotionen
  • Problemlösung

 

Auch starker Stress kann mit für eine Schwangerschafts- oder Stilldemenz verantwortlich sein. Dann wird das Hormon Cortisol ausgeschüttet, dass sich negativ auf die Vergesslichkeit auswirken kann. Dieser Stress kann zum Beispiel durch Schlafprobleme entstehen. Vor der Geburt sind sie meist in den körperlichen Veränderungen begründet. Die Blase drückt öfter, es kommt unter Umständen zu Sodbrennen und es ist nicht mehr so leicht eine bequeme Schlafposition einzunehmen.

Die Tiefschlafphasen, die unter anderem gestört werden, sind Im Normalfall besonders wichtig für die Festigung der Gedächtnisinhalte. Darüber hinaus hindert Schlafentzug die Hirnzellen an der nötigen Regeneration.

Nach der Geburt ist das Kind selbst der Grund für einen möglichen Schlafmangel. Wer sich um ein Baby kümmert, entwickelt einen sogenannten Ammenschlaf. Dann wird man schon beim kleinsten Geräusch wach und schläft auch nicht mehr so tief. Das Stillen kann sich dann allerdings wieder positiv auf die Vergesslichkeit auswirken. Es lässt den Cortisolspiegel im Blut wieder absinken.

Auch psychische Faktoren können sich negativ auf die Gedächtnisleistung auswirken. Ein problematisches soziales Umfeld, eine allgemeine Überforderung oder andere emotionale Belastungen des Kinderkriegens führen zu Gedächtniseinbußen.

Viele werdende und junge Mütter erleben eine Überflutung mit Angst und, Freude und Sorgen. Es ist kein Wunder, wenn die Denkleistung dann nicht für alle Dinge ausreicht und es zu Gedächtnisstörungen kommt. Darüber hinaus kann der Schlafrhythmus durch den oftmals unregelmäßigen Tagesablauf gestört werden.

Einige Forscher haben Studien zur Gehirnmasse während der Schwangerschaft durchgeführt. Dabei haben sie Hinweise gefunden, dass diese während des letzten Schwangerschaftsdrittel geringfügig abnimmt. Allerdings nimmt das Gehirnvolumen nach der Entbindung wieder zu.

Wie macht sich eine Schwangerschaftsdemenz oder Stilldemenz bemerkbar?

Wenn ihr schwanger seid oder stillt, kann es sein, dass ihr eine Verwirrtheit anhand verschiedener Aufgaben bemerkt. Häufig kommen die folgenden Schwierigkeiten vor:

  • Der Schlüssel wird nicht mitgenommen
  • Termine werden vergessen
  • Das Zähneputzen wird vergessen
  • Die Einnahme von Medikamenten wird vergessen
  • Es kommt zu Wortfindungsstörungen

 

Daraus lässt sich schließen, dass von einer Schwangerschafts- oder Stilldemenz verschiedene Bereiche betroffen sind. Vor allem sind das die folgenden Funktionen:

  • Vorrausschauendes Gedächtnis
  • Verbales Gedächtnis
  • Arbeitsgedächtnis

 

Das Kurzzeitgedächtnis ist dagegen in der Schwangerschaft und Stillzeit oft nicht beeinträchtigt.

 

Was hilft gegen die Vergesslichkeit?

Gegen die Hormonveränderungen in der Schwangerschaft und Stillzeit lässt sich nicht viel machen. Das wäre auch nicht sinnvoll, weil sie wichtig für die Bindung zwischen Mutter und Kind sind. Außerdem helfen sie euch dabei, die Strapazen der Geburt zu vergessen.

Aber ihr könnt die Ausschüttung von Stresshormonen reduzieren und damit die Defizite der Denkleistung und Konzentration reduzieren. Hilfreiche Maßnahmen sind unter anderem:

  • Achtet auf ausreichend Schlaf
  • Esst regelmäßig und ausgewogen
  • Trinkt ausreichend Flüssigkeit
  • Vermeidet Stress
  • Lasst Aufgaben im Haushalt von anderen erledigen
  • Sorgt für regelmäßige leichte Bewegung
  • Pausen machen

 

Auch das Stillen des Babys kann gegen die Unaufmerksamkeit helfen. Die Milchbildungshormone wirken den Stresshormonen entgegen. Darüber hinaus kann eine gute Planung hilfreich sein. Nutzt Kalender und stellt euch Erinnerungen in eurem Handy für Verabredungen ein. Auch andere Personen können euch an wichtige Termine erinnern.

Sorgt dafür, dass Autoschlüssel und Geldbeutel immer an einem festen Ort liegen und auch nach dem Eintreffen zu Hause direkt dort hingelegt werden. Notiert euch eure Geheimzahl an einem sicheren Ort. Wenn ihr euch einzelne wichtige Dinge merken müsst, könnt ihr euer Handy auch dazu nutzen. Macht Fotos von diesen Informationen. So wisst ihr immer, wo ihr euer Auto geparkt habt, oder was auf einem wichtigen Zettel stand.

Auch ein Tagebuch kann eine schöne Hilfe für euer Gehirn sein. Dort könnt ihr dann gleich wichtige Erlebnisse festhalten und könnt eurem Kind genau erzählen, wie ihr euch in der ersten Zeit als Eltern gefühlt habt.

Damit ihr das Essen nicht vergesst, könnt ihr euch kleine gesunde Snacks besorgen. Mandeln und Walnüsse versorgen euch zum Beispiel mit vielen wichtigen Nährstoffen und mit Energie. Mehrere kleine Mahlzeiten können euren Körper und euer Hirn auf Dauer versorgt halten. Wenn ihr darüber hinaus noch euren Flüssigkeitsbedarf im Blick behaltet, habt ihr schon viel für eure Denkgeschwindigkeit getan. Ideal sind etwa zwei Liter Wasser und ungesüßter Tee.

Darüber hinaus können auch Übungen zur Steigerung der Gedächtnisleistung helfen. Das Lösen von Kreuzworträtseln oder Lesen von Büchern kann seinen Teil zu einer besseren Hirnleistung beitragen.

Bewegung kann auch dabei helfen, dem Gedächtnisschwund vorzubeugen. Für Wöchnerinnen sind Spaziergänge ideal. Sie sorgen für ein erstes leichtes Training, frische Luft und für eine Abwechslung.

In der Stillzeit kann es eine gute Idee sein, das Baby in einem Beistellbett neben dem Elternbett schlafen zu lassen. Dann könnt ihr es im Liegen stillen und kommt oft zu mehr Schlaf.

Trotz aller Liebe solltet ihr auch Pausen und Erholungszeiten ohne Kind einplanen. Wechselt euch mit eurem Partner ab und schlaft oder widmet euch einem Hobby. Holt euch Hilfe von Verwandten und Freunden.

Wann solltet ihr zum Arzt gehen?

Wenn ihr unorganisiert seid und leichte Gedächtnisstörungen habt, müsst ihr euch keine Sorgen machen. Spätestens nach dem Abstillen sollten sich diese Schwierigkeiten aber wieder normalisieren.

Wenn ihr aber weitere Symptome bei euch entdeckt, solltet ihr eure Hebamme, euren Arzt oder eine Ärztin um Rat fragen. In einigen Fällen kann sich auch eine Depression im Verlauf von Schwangerschaft oder Stillzeit ausbilden. Dann zeigen sich weitere Anzeichen für psychische Schwierigkeiten, wie zum Beispiel:

  • Extreme Traurigkeit
  • Niedergeschlagenheit
  • Antriebslosigkeit

Fazit – Schwangerschaft- und Stilldemenz sind eine Anpassungsleistung

Die meisten Forschern gehen davon aus, dass die Veränderungen In Schwangerschaft und Stillzeit eine Umstellung auf die Aufgaben als Eltern darstellen. Die Aufmerksamkeit richtet sich verstärkt auf das Kind. Dazu gehört laut der Theorie auch, dass ihr euch besser in andere, allen voran euer Baby, hineinversetzen könnt. Damit ist die Schwangerschafts- und Stilldemenz ein Nebeneffekt einer Anpassungsleistung und der Verbesserung eurer Fähigkeiten in der Elternschaft und kann auch positiv gesehen werden.

FAQ

Wann fängt eine Schwangerschaftsdemenz an?

Viele Schwangere erleben sich schon in den letzten Schwangerschaftsmonaten als vergesslicher und zerstreuter. Wissenschaftlich nachweisen lässt sich der Effekt aber vor allem im frühen Wochenbett.

 

Wie äußert sich eine Schwangerschaftsdemenz?

Bei einer Schwangerschaft kommt es vor allem zu Vergesslichkeit, Verwirrtheit und Wortfindungsstörungen.

 

Wie lange hält eine Schwangerschaft- oder Stilldemenz an?

Die messbaren Veränderungen des Gehirns halten laut Studien längstens zwei Jahre nach der Geburt an. Die spürbaren Gedächtnisstörungen legen sich aber meist schon nach ein paar Monaten.

 

Was kann man gegen eine Schwangerschafts- oder Stilldemenz tun?

Um eine Schwangerschafts- oder Stilldemenz abzumildern, solltet ihr vor allem Stress vermeiden und ausreichend schlafen. Regelmäßige und gesunde Ernährung und genügend Flüssigkeit helfen zusätzlich.

Teilen:

Kommentar schreiben

Teilen: