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Hypnobirthing – sanft und selbstbestimmt entbinden

Nadine Scheiner
29 Dez 2021
6 min.
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Wenn es um die Geburt geht, werden heute verschiedene Methoden zur Verfügung gestellt, die euch die Geburt deutlich angenehmer machen sollen. Eine dieser Varianten ist das Hypnobirthing. Die Methode wurde in den USA entwickelt, findet aber auch immer mehr den Weg in den deutschen Kreißsaal. Hier erfahrt ihr mehr darüber, was eigentlich unter Hypnobirthing zu verstehen ist, für wen es sich eignet und wo die Stärken und auch Schwächen liegen.

Hypnobirthing
220 Selfmade studio via Shutterstock

Was ist die Idee hinter Hypnobirthing?

Die Idee für das Hypnobirthing hat ihren Ursprung in den USA in den 1980er Jahren. Die Methode, wie sie auch heute bekannt ist, wurde durch Marie F. Mongan ins Leben gerufen. Allerdings hat die Entwicklerin ihre Methode auf der Basis der Thesen von Grantly Drick-Read entwickelt. Read war ein englischer Geburtshelfer, der Thesen rund um die Geburt entwickelt hat. Eine dieser Thesen war, dass viele Frauen in Bezug auf den Geburtsverlauf bereits Schmerzen erwarten. Es bilden sich Ängste aus und die Frauen verkrampfen. Dadurch können sie bei der Geburt nicht entspannen.

Normalerweise ist der natürliche Geburtsvorgang so konzipiert, dass die Gebärende sowie das Baby gemeinsam arbeiten. Frauen, die Angst vor dem Geburtsschmerz haben, können sich nicht auf die Zeichen ihres Körpers konzentrieren. Es kann bis zu einem Geburtsstillstand kommen oder auch zu einer Not-Situation, sodass ein Kaiserschnitt notwendig wird. Dieser Effekt ist auch nicht nur bei Erstgebärenden der Fall. Wer schon ein Geburtserlebnis hatte, das vielleicht sogar traumatisch war, hat diese Geburtserfahrung immer im Kopf.

Die Grundlage für Hypnobirthing ist der systemische Abbau von bereits bestehenden Sorgen und Ängsten. Dabei wird vor allem mit Methoden aus der Hypnose gearbeitet, die bei der Entbindung zum Einsatz kommen sollen.

Techniken für die Selbsthypnose

Das Hypnobirthing ist nicht wie eine klassische Hypnose zu verstehen. Wenn ihr euch entscheidet, diese Geburtsmethode möglicherweise umsetzen zu wollen, ist ein Geburtsvorbereitungskurs zu empfehlen. Dabei reicht nicht eine Teilnahme an den klassischen Geburtsvorbereitungskursen. Hier wird die Thematik nur kurz angeschnitten. Es gibt spezielle Kurse durch ausgebildete Kursleiter

Es erfolgt die Vermittlung von Techniken aus dem Bereich der Selbsthypnose. Diese speziellen Entspannungstechniken sollen dabei helfen, einen schmerzarmen Geburtsvorgang zu durchleben. Die Techniken können euch dabei helfen, einen Zustand der Tiefenentspannung zu erreichen und die Anspannung loszulassen.

Falls ihr euch Sorgen darüber macht, dass die Entspannungsübungen dafür sorgen, dass ihr die Geburtsphase verpasst, können wir euch beruhigen. Die Entspannungsmethoden sind so zusammengestellt, dass ihr durch Affirmationen und eine spezielle Atmung tiefenentspannt werdet. Ein Trancezustand, wie bei anderen Hypnosetechniken, wird nicht angestrebt. Die gezielten Entspannungsübungen werden euch in der speziellen Geburtsvorbereitung erklärt. Mit Visualisierungstechniken und speziellen Atemtechniken erreicht ihr möglicherweise einen besonderen Zustand in Bezug auf das Schmerzempfinden. Es gibt Schwangere, die dann nicht einmal mehr Schmerzmittel zum Gebären brauchten.

Inwieweit du eine schmerzfreie Geburt erleben kannst, lässt sich natürlich so klar nicht sagen. Fakt ist aber, dass es beim Hypnobirthing und den dazugehörigen Entspannungsmethoden darum geht, selbstbestimmt gebären und euch auf die Geburt konzentrieren zu können. Die Muskelentspannung, eine Berührungsmassage oder auch die Arbeit gegen die Angst ist schon in Hinblick auf die Geburt selbst sehr erfolgreich.

Übrigens: Auch nach der Geburt könnt ihr noch vom Hypnobirthing profitieren. Es hat sich gezeigt, dass viele Frauen, die mit dieser Methode gearbeitet haben, schneller wieder fit wurden und eine sehr enge Bindung zum Baby aufbauen konnten. Die erlernten Hilfsmittel sind für euch eine Begleitung durch das Wochenbett. Nachwehen sind nur eines der Beispiele dafür, dass euer Körper auch nach der Entbindung noch arbeitet.

Mit der Entwicklung der Methode wollte die Amerikanerin einen Teufelskreis durchbrechen, der viele Frauen vor der Entbindung stark belastet.

Was lernt ihr in den Hypnobirthing Kursen?

Wenn ihr euch für einen der Kurse anmeldet, werdet ihr durch die Kursleiterin lernen, wie ihr Ängste und Unsicherheiten besser umwandeln könnt. Ziel ist es, euch Selbstvertrauen zu geben. Es ist ganz normal, dass ihr euch vielleicht auch negative Gedanken in Bezug auf die Geburt macht. Wird das Baby durch den Geburtskanal passen? Was habe ich für ein Schmerzempfinden? Teilweise steigern sich die Ängste stark.

Ihr erhaltet in den Kursen wichtige Informationen rund um die Geburt. Die Kursteilnehmerinnen können alle Fragen stellen. In einer friedlichen Umgebung wird euch gezeigt, wie ihr eine Muskelentspannung erreicht, aber auch, wie ihr gegen mögliche Panikattacken vorgehen könnt. Gearbeitet wird mit:

  • Positiven Suggestionen
  • Atemtechniken
  • Entspannungstechniken
  • Berührungsmassage

Euer Partner ist ein wichtiger Geburtsbegleiter. Neben dem Klinikpersonal erhaltet ihr durch ihn Unterstützung. Daher wird es von den Trainerinnen sehr gern gesehen, dass der Partner auch mit in den Kurs zum Hypnobirthing kommt. Gerade die Berührungsmassage ist eine große Hilfe bei der Entspannung.

Ab wann sollte ein Kurs zum Hypnobirthing besucht werden?

Anders als bei einem klassischen Geburtsvorbereitungskurs ist es bei einem Kurs für das Hypnobirthing so, dass er ruhig auch schon früher durchgeführt werden sollte. Auch in den frühen Schwangerschaftswochen kann der Kurs für euch schon hilfreich sein. Mindestens drei Monate vor dem geplanten Entbindungstermin wird empfohlen, die Teilnahme zu beginnen. Der Kurs dauert normalerweise 12 Stunden. Er kann sowohl als Einzelkurs als auch in der Gruppe durchgeführt werden. Teilweise wird auch ein Wochenendkurs angeboten.

Wichtig ist, dass ihr euch Zeit für die Übungen auch zu Hause nehmt. Das heißt, wenn ihr den Kurs belegt habt, werdet ihr auch darum gebeten, zu Hause weiter zu üben. Mit dem Verinnerlichen der Übungen fällt es euch leichter, unter der Geburt auf die Zeichen eures Körpers zu reagieren.

Hypnobirthing
Lyubov Levitskaya via Shutterstock

Warum wirkt sich Angst auf die Geburt aus?

Man könnte meinen, dass die Geburt sich nicht aufhalten lässt, wenn sie erst einmal in Gang ist. Das ist aber nicht immer der Fall. Starke Ängste haben eine Wirkung auf euren Körper. Um das besser nachvollziehen zu können, möchten wir das näher erklären. Wenn ihr Angst habt, dann spannt sich euer Körper an. Er ist immer in der Position, schnell reagieren zu können. Dadurch sind die Muskeln verkrampft. Wenn sich euer Körper in Verteidigungshaltung befindet, lenkt euer Körper seine Aufmerksamkeit auf diese Thematik. Er wird dafür sorgen, dass unwichtige Funktionen erst einmal reduziert werden. Die Versorgung des Unterleibs gehört in dem Fall zu den unwichtigen Funktionen. Blut, das bisher noch in die Gebärmutter gelenkt wurde, wird in eine andere Richtung geleitet.

Für die Geburt selbst ist das jedoch ein Problem. Die Gebärmutter wird dadurch deutlich verspannter, die Wehen lassen möglicherweise nach und der Muttermund öffnet sich nicht oder nur sehr langsam. Die Ängste und der Stress wirken sich zudem auf euer Baby aus. Wenn euer Körper gegen die Geburt arbeitet, wird der Geburtsvorgang auch für euer Baby deutlich schwerer.

Beim Hypnobirthing geht es darum, bereits vor der Geburt euch bewusst zu machen, dass Schmerzen nicht im Fokus stehen. Teilweise sind es auch nur kleine Veränderungen, die euch dabei helfen können, mehr zu entspannen. Ein Beispiel dafür ist die Wortwahl. Entscheidet euch dafür, Wehen anders zu bezeichnen. Es gibt noch weitere Begriffe, wie die Kontraktionen. Probiert es bewusst aus. Mit dieser Bezeichnung werden Kontraktionen nicht mehr direkt mit Schmerzen in Verbindung gebracht.

Wie erfolgreich ist das Hypnobirthing?

In der Theorie klingen die Ideen wunderbar, doch wie sieht es eigentlich in der Praxis aus? Wie gut funktioniert das Hypnobirthing wirklich? Es gibt bereits eine Studie zu dem Thema, die genau diese Frage aufgreift. Durchgeführt wurde die Studie durch die Universität Tübingen in einer Zusammenarbeit mit dem Institut für die Hypnosetherapie aus Westfalen. Interessant ist beispielsweise der Aspekt der Geburtsdauer. Frauen, die zum ersten Mal ein Baby bekommen, hatten mit dem Hypnobirthing einen verkürzten Geburtsvorgang um rund zwei Stunden.

Die Teilnehmer der Studie wurden gefragt, wie stark sie die Schmerzen unter der Geburt empfunden haben. Die Gruppe, die unter Hypnobirthing entbunden hat, hatte einen Wert von 50 % bei den Angaben von sehr starken Schmerzen. Frauen, die ohne Hypnobirthing entbunden haben, haben zu 80 % von starken Schmerzen gesprochen.

Hinweis: Aber auch hier ist es noch einmal wichtig darauf zu verweisen, dass es beim Hypnobirthing auch um die Übung geht. Die Teilnehmerinnen der Studie haben den Geburtsvorgang in Wiederholung durchgespielt und sich auf die einzelnen möglichen Situationen vorbereitet. Dadurch konnten sie unter der Geburt direkt reagieren.

Wie wird Hypnobirthing aus der Sicht von Kliniken gesehen?

Es gibt immer wieder Erfahrungen von Frauen, die mit der Hilfe von Hypnobirthing entbunden haben und damit positive Erfahrungen hatten. Allerdings finden wir es wichtig, alle Seiten anzusehen. Auch aus den Kliniken kommt ein Feedback. Das Klinikpersonal sowie die Geburtshelfer erfahren normalerweise schon im Geburtsvorbereitungsgespräch, dass mit Hilfe von Hypnobirthing entbunden werden soll. So kann sich darauf eingestellt werden.

Die Erfahrungen sind unterschiedlich, häufig aber auch durchaus negativ geprägt. So wird unter anderem berichtet, dass viele Frauen, die vorher einen Kurs besucht haben, bestimmte Vorstellungen von der Geburt hatten und den Empfehlungen des Personals gegenüber nicht aufgeschlossen genug gewesen sind. Das kann zu Dissonanzen im Kreißsaal führen und sich ebenfalls negativ auf den Geburtsvorgang auswirken.

Suggestion wird durch Personal in einer Klinik nicht komplett abgelehnt. Das Hypnobirthing ist allerdings eine Form der Entbindung, die noch immer zu den besonderen Varianten gehört. Es ist wichtig, dass hier beide Seiten offen für verschiedene Varianten sind. Daher solltet ihr in einem Geburtsgespräch immer offen über eure Wünsche sprechen, euch aber auch den Hinweisen von Hebammen und Ärzten gegenüber ebenfalls offen zeigen.

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