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Die Alleingeburt – Gebären ohne fremdes Einwirken

Nadine Scheiner
07 Jan 2022
6 min.
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Der Körper der Frau ist für die Geburt gemacht. Mit den Wehen beginnt die Eröffnungsphase und die Austreibungsphase wird weiter vorangetrieben. Dabei gibt der Körper der werdenden Mutter die passenden Signale. Diese weiß von Natur aus, was sie zu tun hat. Dies ist die Einstellung von Frauen, die sich für eine Alleingeburt entscheiden. Sie verzichten bewusst auf die medizinische Unterstützung der Ärzte sowie die fachliche Unterstützung der Geburtshelfer und Hebammen und entscheiden sich dafür, die Geburt komplett allein durchzuführen. Ihr Ziel ist es, sich direkt auf sich zu konzentrieren und nichts von außen an sich heranzulassen.

Das Wichtigste in Kürze:

  • Von einer Alleingeburt wird gesprochen, wenn die Gebärende komplett auf Unterstützung verzichtet.
  • Ziel der Alleingeburt ist es, sich komplett auf die eigenen Gefühle und die Zeichen des Körpers konzentrieren zu können.
  • Eine Alleingeburt birgt auch Risiken, wie fehlende Hilfe bei einer Notsituation.
Alleingeburt
fizkes via Shutterstock

Was ist eigentlich eine Alleingeburt?

Die Alleingeburt wird auch als Freebirthing bezeichnet und oft als eine neue Bewegung gesehen. Tatsächlich gab es aber schon vor Jahrhunderten Frauen, die ganz allein durch den Geburtsvorgang gegangen sind. Nicht immer war dies freiwillig. Normalerweise wurden Frauen in früheren Zeiten von erfahrenen anderen Frauen unterstützt. Aber auch die Alleingeburt war keine Seltenheit.

Erst in den modernen Zeiten hat sich der Fokus entwickelt, zu einer Geburt ins Krankenhaus oder in ein Geburtshaus zu gehen. Als exotisch galten schon Gebärende, die sich für eine Hausgeburt mit einer Hebamme entschieden haben. Die Alleingeburt jedoch wird immer mehr zum Trend.

Eine Schwangere entscheidet sich dabei bewusst dafür, die Geburt allein durchzuführen. Sie möchte keine Hilfe von Hebammen oder Ärzten. Teilweise dürfen der Partner oder auch die Kinder anwesend sein. Das ist aber nicht immer der Fall.

Die grundlegende Einstellung von Alleingebärenden ist, dass ihr Körper selbst in der Lage ist, die Wehen zu bewältigen und das Kind auf die Welt zu bringen.

Die Untersuchung nach der Geburt

In Deutschland muss ein Baby nach der Entbindung untersucht werden. Die sogenannten U1 darf von Ärzten oder Hebammen durchgeführt werden. Daher solltet Ihr, wenn Ihr eine Alleingeburt plant, bereits mit einer Hebamme sprechen. Diese kommt nach der abgeschlossenen Geburt zu Euch nach Hause und untersucht mögliche Geburtsverletzungen, den Abgang der Nachgeburt sowie das Neugeborene.

Die Vorteile einer Alleingeburt

Warum denken Frauen darüber nach, ihr Baby ganz allein auf die Welt zu bringen? Die Geburt ist ein kraftvolles Erlebnis. Euer Körper weiß genau, wann es losgeht. Setzen die Wehen ein, übernimmt er die Führung. Die Alleingeburt bietet einige besondere Vorteile:

  • Komplette Selbstbestimmung: Der wohl größte Vorteil ist, dass Ihr eine komplette Selbstbestimmung habt. Ihr habt die Möglichkeit, Euch ganz auf Euch zu konzentrieren, jede Geburtsposition einzunehmen, die Ihr möchtet und Euer Baby in aller Ruhe an dem Ort zu empfangen, an dem Ihr Euch besonders wohlfühlt.
  • Weniger Geburtsverletzungen: Umfragen zeigen, dass Frauen, die allein oder bei einer Hausgeburt sehr selbstbestimmt entbinden, deutlich entspannter sind und dadurch weniger verkrampfen. Dieser Effekt sorgt dafür, dass sich die Menge an Geburtsverletzungen reduziert.
  • Stärkung der Bindung: Bei einer Alleingeburt kann die Bindung zwischen Mama und Baby oder auch zwischen der ganzen Familie gestärkt werden. Das Band, das direkt nach der Entbindung besteht, wenn keine fremden Personen mit im Raum sind und eine angenehme Ruhe ist, ist besonders stark.
  • Selbstbewusstsein: Auch die Frauen selbst profitieren sehr stark von einer Alleingeburt. Das Gefühl der Verbindung mit dem eigenen Körper und der Kraft der Natur ist beeindruckend und gibt viele Frauen ein ganz neues Selbstbewusstsein.

Die Risiken der Alleingeburt

Wusstet Ihr, dass die Stunde der Geburt als eine der gefährlichsten Stunden innerhalb eines Menschenlebens gilt? Wenn die Geburt nicht reibungslos abläuft, kann es zu Schäden kommen, die das gesamte Leben beeinflussen. Gerade unter der Geburt ist die Gefahr einer schlechten Sauerstoffversorgung nicht zu unterschätzen. Ist der Säugling drei Minuten oder mehr ohne Sauerstoff, nimmt das Gehirn einen erheblichen Schaden.

Die Risiken der Geburt sind einer der häufigsten Gründe dafür, dass Schwangere sich für den Weg in das Krankenhaus oder ins Geburtshaus entscheiden. Wenn Ihr über eine Alleingeburt nachdenkt, ist es daher besonders wichtig, dass Ihr die möglichen Risiken kennt:

  • Keine Schmerzmittel: Natürlich haben sehr viele Frauen Babys ohne Schmerzmittel auf die Welt gebracht. Jede Geburt ist jedoch anders und es lässt sich vorher schwer einschätzen, wie Ihr auf die Wehen reagiert. Bei einer Alleingeburt stehen keine Schmerzmittel zur Verfügung.
  • Keine Not-Eingriffe: Unter der Geburt kann es zu einem Geburtsstillstand oder auch zu einem Nabelschnurvorfall kommen. Möglicherweise ist das Baby auch zu groß für Euer Becken und bleibt darin stecken. In diesen Situationen muss schnell reagiert werden. Das ist bei einer Alleingeburt nicht möglich.
  • Geburtsverletzungen und Nachgeburt: Auch wenn die Geburt ohne Probleme verläuft, kann es bei der Gebärenden zu Geburtsverletzungen, starken Nachblutungen und Problemen mit dem Kreislauf kommen. Auch hier muss schnell medizinisch reagiert werden.

Die Grundlage für eine Alleingeburt ist eine unauffällige und gesunde Schwangerschaft. Doch auch dann kann es bei einer Geburt zu unerwarteten Komplikationen kommen. Daher sollte eine Alleingeburt gut geplant werden. Die Möglichkeit für einen schnellen Notruf und eine sehr gute Erreichbarkeit kann Leben retten.

Alleingeburt
PKpix via Shutterstock

Das Problem mit der Fremdbestimmung

Einer der Gründe dafür, dass die Alleingeburt zu einer neuen Strömung in der Entbindungsgeschichte wird, ist die Fremdbestimmung bei der Entbindung. Viele Frauen haben die Sorge, dass sie nicht die Möglichkeit haben, die Geburt nach ihren Wünschen zu gestalten. Diese Sorge ist gar nicht so unbegründet.

Bei der Entbindung in einem Krankenhaus ist es den Hebammen und Ärzten natürlich wichtig, dass Mutter und Kind gut durch die Entbindung kommen. Dafür wird gerne auf Hilfsmittel zurückgegriffen. Nur ein Beispiel dafür ist die PDA. Durch die Gabe von Medikamenten werden die Schmerzen gelindert. Allerdings wird der werdenden Mutter damit auch die Möglichkeit genommen, auf ihre Wehen reagieren zu können.

Umfragen zeigen, dass Frauen, die sich für eine Alleingeburt entscheiden, oft keine Erstgebärenden sind. Teilweise haben sie schlechte Erfahrungen bei der Entbindung gemacht oder sie hatten das Gefühl, dass sie zu fremdbestimmt gewesen sind und ihr Geburtserlebnis dadurch beschnitten wurde.

Hinweise der Hebamme oder der Ärzte im Geburtsgeschehen sollen die Geburt schneller voranbringen. Gleichzeitig können sie aber auch den natürlichen Ablauf verhindern. Eingriffe von außen, wie der Dammschnitt oder auch die Geburt mit der Saugglocke, können die Folge der Eingriffe sein.

Für wen ist eine Alleingeburt der richtige Weg?

Immer mehr Frauen werden auf die Möglichkeit der Alleingeburt aufmerksam. Dies hängt auch damit zusammen, dass es mehr Berichte und einen vermehrten Austausch im Internet zu der Thematik gibt. Hier hat sich sogar eine richtige Community entwickelt, in der über alles gesprochen wird.

Was kann ich bei einem Geburtsstillstand tun? Was mache ich bei Blutungen? Welche Geburtsposition ist die richtige für mich? Welche Erfahrungen haben andere Frauen schon gemacht?

Wenn Ihr Euch hier ein wenig einlest und schaut, welche Berichte zu dieser Entbindungsart bereits online sind und welche Erfahrungen die Frauen niedergeschrieben haben, bekommt Ihr ein Gefühl dafür, ob eine Alleingeburt für Euch der richtige Weg sein kann.

Seid Ihr Euch unsicher, ist möglicherweise die Hausgeburt mit der Betreuung einer Hebamme eine schöne Alternative. Ihr könnt bereits im Vorfeld besprechen, dass Ihr so wenig Intervention wie möglich wünscht, habt aber die Sicherheit einer erfahrenen Geburtshelferin hinter Euch. Auch Euer Partner sollte einverstanden und gut über die Risiken informiert sein.

Fazit: Vor der Alleingeburt steht viel Aufklärung und Information

Bei der Alleingeburt entscheidet Ihr Euch bewusst dafür, komplett auf die Unterstützung von erfahrenem medizinischem Personal und Hebammen zu verzichten. Möchtet Ihr diesen Weg gehen ist es wichtig, dass Ihr Euch auf alle Eventualitäten vorbereitet. Teilt Eurem Partner oder einem anderen Menschen mit, wo Ihr die Alleingeburt durchführen möchtet. Informiert Euch darüber, wie Ihr im Notfall reagieren könnt, beispielsweise bei einem Geburtsstillstand. Seid Euch bewusst, dass es bei einem unerwarteten Verlauf der Geburt zu gesundheitlichen Problemen beim Baby und auch bei Euch kommen kann.

Wichtig: Entscheidet Ihr Euch für die Alleingeburt, solltet Ihr wirklich keine Zweifel haben. Diese Zweifel können sonst ebenfalls einen Einfluss auf den Verlauf der Geburt haben, da Ihr möglicherweise verkrampft.

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